
Die Drei von Blue Honky Tonk aus Dresden: Mit ihrer professionellen musikalischen Live-Show begeisterten sie ihr Publikum im Selterser Saal Eulenspiegel. Bild: Müller Lokales 13.09.2007
"Jazzverwöhntes Publikum "aufgemischt" Blue Honky Tonk aus Dresden sorgte beim Auftritt beim Jazz-Club Ortenberg für wahre Begeisterung der Fans SELTERS (mü).
Und dabei hatte er sie noch nie live erlebt: Und gerade deshalb bewies Uli Heck, Vorsitzender des Ortenberger Jazzclubs, sein Gespür für Talente, dass er Blue Honky Tonk aus Dresden engagiert hatte. Hecks Fähigkeit, aus dem Stapel von 60 jährlich zugesandten Demo-CDs die Premium-Scheiben und damit die Elite-Bands herauszufischen, ist wohl zu Recht berühmt. Blue Honky Tonk mit Matthias Rethberg am Piano, dem gerade mal 18-jährigen Stephan Heisig am Schlagzeug und Manuela Krecek als ausdrucksstarker Sängerin mischten das jazzverwöhnte Publikum und die traditionellen Rhythmen gleichermaßen auf. Und dies mit so viel erfrischender Spielfreude, unglaublicher Kreativität und gänzlich ungekünstelter Bescheidenheit, dass wahrlich niemand daran dachte, den Raum zu verlassen. "Geht auch gar nicht, wir haben die Fenster im Pressspanplatten vernagelt", betonte Stephan Heisig im Saal Eulenspiegel und gab damit den flapsig-witzigen Ton der Ansagen vor, die im Dialog mit seinem Piano-Kollegen entstanden. Und so spontan und authentisch, wie man auf das Publikum zuging - mal aus der Bandgeschichte, mal von Jazztraditionen, sächsischen Vokalen und "hochdeutschem Klavierspiel" plaudernd - so unbefangen näherte man sich auch den Größen des frühen Jazz. Boogie Woogie, Ragtime und Stride-Piano schienen hier nur einen Tastenschlag und einen Drumbeat weit entfernt von Blues, Rock, Bossa Nova oder gar Rock. Mit traumwandlerischer Sicherheit, selbst 7er-Rhythmen nur per Augenkontakt abstimmend, ließen Rethberg und Heisig zunächst den Namensgeber ihrer Band, den "Honky Tonk Trail Blues", in den Bahnhof einlaufen. Bei "Carolina Shouts" zuckte es schon manchem im Publikum charlestonmäßig in den Beinen - wobei niemand sich erdreistete, mit Rethbergs Bein- und Pedalarbeit unter dem Piano mithalten zu wollen, geschweige denn mit seinen rasenden Fingerspielen auf der Tastatur. "Somebody Loves Me" diente Manuela Krecek als Einstieg. Sie, die einst als "Ersatz" in letzter Minute für den erkrankten Drummer eingesprungen war, gehört mittlerweile fest zu Band und erwies sich als echter Glücksgriff: Einmal ganz abgesehen von der optischen Aufwertung strafte sie ihr langes blondes Haar mit ihrer schwarzen Stimme, die sich im Lauf des Abends immer mehr entfaltete, geradezu Lügen: Wer die Augen schloss, glaubte bei den bitter-süßen Liebessongs wie "All I Could Do Was Cry", beim sinnlichen "Whisky And Women" oder bei dem berührenden "Every Day Is A Miracle" einer um einige Lebenserfahrung reicheren Künstlerin zu lauschen. Und so wie zwischen Rethberg und Heisig ein vollkommen selbstverständliches, ausgewogenes Gleichgewicht herrscht, so nimmt man auch die Sängerin in die Mitte und rollt ihr den roten Klangteppich aus, auf dem ihre Stimme unangestrengt Tiefen und Höhen gewinnt. Daneben outeten sich auch Rethberg und Heisig selbst als begabte Sänger, oder, um mit ihren Worten zu sprechen, "latente Talente": So präsentierte der Pianist das selbstverliebte "Tell Me Babe What´s On Your Mind" des Frauenflüsterers Jelly Roll Morton, während der Schlagzeuger sich ebenso einfühlsam den "Jelly Roll Morton Blues" vornahm. Die "Underground Stories", einen Blues in G, entwickelte der Matthias Rethberg aus den tiefsten Bässen heraus, den Boogie Woogie "Der Graf", eine von mehreren Eigenkompositionen, mit zahlreichen Glissandos, die die Raffinesse aller Blut- und Geldsauger ausdrückten. Auch Mortons kaum spielbarer "Fingerbreaker" (eine von vielen Premieren des Abends) stellte mehr eine reizvolle Herausforderung als eine echte Hürde für den jungen Mann am Klavier dar, der längst eigene musikalische Wege geht; unterstützt, aber unabhängig von seinem Vater Lutz Rethberg, dem langjährigen Pianisten bei den Dresdner Traditionsjazzern "Blue Wonder" (benannt nach der Elbbrücke "Blaues Wunder"). Apropos Dresdner Szene! Wer bisher keine Ahnung hatte, wie der Osten jazzt, der bekam an diesem Abend definitiv Lust, im nächsten Sommern zu den "Jazztagen Dresden" nach Elbflorenz aufzubrechen. "Blue Honky Tonk" haben sich dort längst einen Namen gemacht - und das liegt wohl nicht in erster Linie daran, dass die Jazzgemeinde den Nachwuchs stets mit offenen Armen willkommen heißt, sondern an der absolut überzeugenden, innovativen Performance. Unglaublich trocken, präzise, locker und variantenreich auch das Drumspiel des jungen Virtuosen Stephan Heisig, für den ein Wechsel vom tiefsten Blues zum angesagten Hip-Hop, vom Kinderlied zum Klassiker und vom Country-Swanee-River zu der Improvisation "Punk" (während der opulenten Zugabe) keinerlei Probleme aufwirft. "Rock, Berta, Rock!" gab das Trio seinem begeisterten Publikum mit auf den Weg. Man wird sich daran halten - bis zum Wiedersehen! "